im
Repertoire:
DIE
FLIEGER
KAFKA
AM SPRACHRAND
- Wiederaufnahme im Oktober 2010
DAS ZARTE WIRD JA
IMMER ÜBERDROHT
MAISON
DE SANTE
TROMPETE
GALGEN FEUERSTRAHL
WEIL
MORGEN GESTERN WAR -
Wiederaufnahme im Oktober 2010
KAFKA AM
SPRACHRAND
//
Drahtseilakt für 4 hoffnungsvoll überforderte
Clowns //
Kurzvideo:
http://vids.myspace.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&VideoID=47517658
Koproduktion mit Theater Thikwa
mit:
Corinna Heidepriem, Dominik Bender, Wolfgang
Fliege und Karol Golebiowski
Regie: Dominik Bender / Anke Mo Schäfer
Bühne / Kostüme: Isolde Wittke
Licht: Urs Hildbrand
Kafka
im Theater – Zwischenwelten und Klang-Körper
Das
„Experiment im Sprachlabyrinth“,
in das der ebenso scharfsinnige wie empathiebegabte
Regisseur und mitagierende Spiel(ver)führer
Dominik Bender die Darsteller von Thikwa
und die Zuschauenden verwickelt, darf als
Leuchtfeuer in dem seit mehr als 100 Jahren
brodelnden Meer der Kafkaexegese gefeiert
werden. Denn dieser „Drahtseilakt
für vier hoffnungsvoll (!) überforderte
Schauspieler“ überschreitet auf
vielfältige Weise Sprach- und Wahrnehmungsgrenzen,
erschafft Zwischenwelten und –gestalten,
die Kafkas oft groteske Prosaminiaturen
kongenial und mit bizarrer Komik erhellen.
Diese Co-Produktion zwischen dem THEATER
ZUM WESTLICHEN STADTHIRSCHEN und THIKWA
ist eine Versuchsanordnung von Grenzgängern
jenseits des Literarischen Quartetts und
subventionierten Staatstheaters. Ideenreich
von Anke Mo Schäfer und Dominik Bender
choreographiert, ist sie in ihrer Untertreibung
das Jemandwerden von Lauter Niemand: der
„behinderten“ Akteure zu Laut-
und Sinngebenden in all ihrer Widersprüchlichkeit
- der verrätselten, (Tier-)Gestalten
von Kafka zu nicht eben glücklichen
Mitgeschöpfen. Dies alles als paradoxe,
ja bitterböse Botschaften, jedoch in
der Schwebe gehalten durch die Fülle
nonverbaler Intermezzi und das dem epischen
Theater verwandte dramaturgische Vorgehen:
Wir erleben die anders begabten Schauspieler
beim Probieren und in der Komik des Misslingens.
Als Klang- und Resonanz-Körper, die
den verstörenden Texten Gestalt und
Ton verleihen.
Im Entrée, wenn die Vierergruppe
ihr Selbstverständnis formuliert (eine
verschworene Gemeinschaft, die einen Fünften
nicht duldet) ist das Ausgeschlossensein,
der vergebliche Kampf um Zugehörigkeit
Thema. Die Akteure beziehen (ihre) Position
hinter einer minimalistisch mit einer Stuhlreihe
ausgestatteten Bühne. Dabei agieren
neben Dominik Bender, dem Impuls- und Textgeber,
Karol Golebiowski in seinem eigenen Esperanto,
der Assoziationsakrobat Wolfgang Fliege
und die energische Corinna Heidepriem, die
das Publikum mit dem Ausruf willkommen heißt
„Die Tür ist zu!“.
Das so erzeugte Gefühl, in einer Falle
zu sitzen, stimmt ein auf andere Empfindungen,
die die mit subtiler innerer Logik von Anke
Mo Schäfer versammelten Kafkatexte
evozieren. Etwa, einem nie erfüllbaren
Wunsch nachzujagen, als unkonformer Mensch
zu scheitern, einer existentiellen Zurückweisung
oder Bedrohung ausgesetzt oder in seiner
(künstlerischen) Einzigartigkeit nicht
anerkannt zu sein wie in Kleine Fabel, Vor
dem Gesetz, Der Geier und Josefine, die
Sängerin oder Das Volk der Mäuse.
Tanz, Luftgitarrenspiel und Dumb Shows machen
die Darsteller am „Sprachrand“
sicht- und hörbar und erhellen die
Botschaften des Autors ebenso wie das fingierte
Kafka-Symposium, bei dem Karol Golebiowski
in eigenwilliger Lautierung den verschollenen
Text „Der Hochsitz“ vorträgt.
Die hier agierende Expertenrunde kann Kafkaexegeten
wahrlich in Verlegenheit bringen.
Die Mäuse - bei Kafka neben der Dohle,
die das tschechische Äquivalent seines
Namens ist und manches mit dem hier heftig
vorgetragenen Der Geier gemein hat - kommen
als Manna vom Bühnenhimmel, werden
verzehrt und so erledigt: Josefine, die
als Sängerin und Diva letztlich scheitert,
kann auch ihr mäusisches Fiepen nicht
retten.
Tiere scheinen die besseren Menschen zu
sein, wie im Bericht für eine Akademie
und in Kreuzung, in dem Kafka eine von seinem
Vater geerbte Kreatur, halb Lamm, halb Katze,
vorstellt. Wenn sich die Akteure hechelnd,
fauchend und fiepend an den vortragenden
Bender und aneinander schmiegen, hat diese
Kreatur zumindest im lebenden Bild einen
Hort gefunden.
Ob allerdings das THEATER ZUM WESTLICHEN
STADTHIRSCHEN ein Hort für unkonventionelle
Theaterarbeit bleiben kann, ist ungewiss.
Ihm wurden zum ersten Mal seit 27 Jahren
keine Fördermittel mehr zuteil.
Christiane Frettlöh
Überforderte
Clowns: Kafka
Ob etwas Absicht ist oder Zufall, bleibt
auf dieser Bühne stets unklar. Der
laute Ruf „Die Tür ist zu, zu!“
der jungen Frau, die wiederkehrende Geste
des älteren Herrn, der mit dem Finger
auf dem Mund zur Stille aufruft, der junge
Mann, der sich an den Bühnenrand setzt
und aufmerksam das Publikum mustert, jeder
Moment ist von einer wohltuenden Unklarheit
durchzogen, beim Publikum wie bei den Schauspielern.
Das liegt vor allem daran, dass hier zwar
mit Profis gearbeitet wird, drei der vier
Schauspieler allerdings behindert sind.
„Kafka am Sprachrand“, eine
von vielen erfolgreichen Kooperationen zwischen
dem Theater zum westlichen Stadthirschen
und dem Theater Thikwa, lief bereits Ende
2008 und wird gerade im F40 in der Fidicinstraße
neu aufgelegt. Eine Stunde lang werden kurze
Texte und Textschnipsel von Kafka, unter
anderem aus der „Kleinen Fabel“,
dem „Steuermann“ oder „Ein
altes Blatt“ vorgetragen, hauptsächlich
von Schauspieler und Mitregisseur Dominik
Bender, untermalt mit Kommentaren, Gesten
und Geräuschen der drei Thikwa-Schauspieler.
Da findet auf der Bühne ein Luftgitarrenkonzert
statt, es regnen weiße Gummimäuse
herab und eine Hochzeit wird geprobt, und
so entsteht eine Mischung, die der Absurdität
mancher Kafkatexte auf sehr charmante und
kreative Weise gerecht wird. Der Untertitel
ist nicht umsonst „Drahtseilakt für
vier hoffnungsvoll überforderte Clowns“.
Dass es immer wieder kleine Schreckmomente
mit Fragezeichen gibt, in denen unklar ist,
ob das so geplant war oder man eigentlich
den Proben zuschaut, tut nicht nur den Stücken
gut, sondern vor allem den Zuschauern. Dann
ist „Kafka am Sprachrand“ Theater
in der besten Form: es überrascht,
regt zum Nachdenken an und schärft
die Sinne. Und gibt Schauspieler Wolfgang
Fliege recht, der, wenn etwas auf der Bühne
nicht läuft wie es soll, abwinkt und
sagt: „Macht do’ nüscht.“
Lea Hampel, Der Tagesspiegel, 25.7.09

Ein
Experiment im Sprachlabyrinth auf einer
zunehmend von weißen Mäusen bevölkerten
Bühne. Vier ganz und gar unterschiedlich
sprachfähige und sprechwillige Schauspieler
konfrontieren sich mit bekannten und weniger
bekannten Textminiaturen von Franz Kafka
und reagieren darauf. Es entwickelt sich
ein unberechenbares Spiel aus merkwürdigen
Begegnungen an der Grenze, wo aus Laut Klang,
aus Klang Sprache und aus Sprache Sinn entstehen.
„Du musst nur die Laufrichtung ändern,
sagte die Katze, und fraß sie. Ja
gasam Gongrea hala pena adle Kahte pard
Maus pa.“
Ein Drahtseilakt für vier hoffnungsvoll
überforderte Clowns, die Kafka statt
ins Herz auch schon mal in eine Plastiktüte
schließen...
„Vor dem Gesetz“, „Bericht
für eine Akademie“ und „Der
Geier“ sind einige der 14 ausgewählten
Erzählungen, die die Textgrundlage
bilden für szenische Miniaturen sonderbarer
Zustände und grotesker Stimmungen,
voll bizarrer Komik und klaren Bildern.
Eine Expertenrunde von Kafka-Exegeten diskutiert
die letzten beiden Sätze in „Der
Steuermann“: „Was ist das für
ein Volk! Denken sie auch oder schlurfen
sie nur sinnlos über die Erde?“
Karol Golebiowski rezitiert auf unnachahmliche
Weise den gerade neu entdeckten Kafka-Text
„Der Hochsitz“. In „Eine
Kreuzung“ verschmelzen die vier Akteure
zu einer seltsamen, nie gesehenen Kreatur.
Und in „Josefine, die Sängerin“
begeistert eine zum Gesang unfähige
Mäusediva ihre Fangemeinde. Wie die
Tiere in Kafkas Erzählungen fungieren
die Darsteller in ihrer besonderen Konstellation
als Lotsen, Boten und Führer. Sie erlauben
unerwartete Einblicke in ihre, unsere und
Kafkas Welt.
Wiederaufnahme im Oktober 2010
im F40 / Theater Thikwa

Fotos: Martin Pfahler

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Die Flieger
// eine Zuneigung mit Textkörper //
"Eine
Frau kriegt ein Mädchen. Das
dauert. Dauert lange. Da ist ein Ei.
Wenn du's rausnimmst, also dann siehst
du die ganzen Fäden, also sagen
wir mal so 'ne Art Zwirn. Hier aus
dem Bauch kommt das Kind raus. Und
dann wird operiert, und dann so duff
duff duff, mit Watte, mit Watte. Und
drei Stunden darf die Frau nicht essen.
Und zwei Stunden wird das Kind ihr
weggenommen. Hier aus'm Bauch. Das
wird aufgemacht und wird verdreht,
wird operiert, das macht der Oberarzt
mit Gummihandschuhen. Also der macht,
also hier ist der Kopf ja, nimm mal
an, der Kopf von mir. Dann kommen
die Füße raus und dann
wird's gewaschen. Beim Jungen ist
es verschieden. Und nun muss die Milch
raus. Dreimal lutschen, dann hat's
durch und dann musst du die Brust
verdecken. Der Vater, der geht raus.
Wo ist denn der Opa von dem Mädchen,
der Opa? Und die Mutter ist die Mutter
von dem Kind. Und der Vater auch.
Der arbeitet, aber hart! Und das schreit.
Das schreit und schreit immer mehr
und mehr und mehr. Dann wird’s
gewaschen."
Foto:
Martin Pfahler
Wolfgang
Fliege, eines der eigentümlichsten
Ensemble-Mitglieder des Theaters Thikwa,
ist als Schauspieler so unberechenbar
wie als Persönlichkeit rätselhaft
und scheinbar unergründlich.
Er ist Dandy, Muffel, Komiker, Dadaist,
Musiker und Charmeur gleichermaßen
und seine „Behinderung“
ließe sich vielleicht mit der
totalen Abwesenheit jeglichen Argwohns
beschreiben. Aus seinen fast pausenlosen
Selbstgesprächen, die auch geübte
Assoziationsakrobaten in Erstaunen
versetzen, hat das Theater zum westlichen
Stadthirschen einen Text destilliert,
der die Grundlage bildet für
die Begegnung zweier Schauspieler,
wie sie unterschiedlicher nicht sein
könnten. Wie schon unsere letzten
Produktionen ist auch „Die Flieger“
ein Versuch, andersartige, befremdliche,
vermeintlich unverständliche
Formen von Wahrnehmung für unser
eigenes Betrachten der Dinge aufzuschließen.
Im
Cockpit sitzen der von hochgradiger
Flugangst gepeinigte Kapitän
Dominik Bender und sein im herkömmlichen
Sinne völlig fluguntauglicher
Copilot Wolfgang Fliege. Die Flughöhe
schwankt, die Fluggeschwindigkeit
ist konstant knapp vor dem Strömungsabriss,
die Flugdauer beträgt etwa 70
Minuten, das Flugziel ist vermutlich
Berlin Tempelhof.
An Bord: Captain Hook, Peggy March,
der Graf von Luxemburg, Hans Messerschmidt,
Vati, Mutti, Willy Kupka, Jesus, Bob
Dylan, Klara, Herr Lackner und Frau
Glockner.
mit:
Wolfgang Fliege und Dominik Bender
Recherche/Regie:
Dominik Bender / Anke Mo Schäfer
Raum: Isolde Wittke
Licht: Urs Hildbrand
Kurzvideo:
www.myvideo.de/watch/2277695
Gefördert
von der Senatsverwaltung für
Wissenschaft, Forschung und Kultur
Berlin
Mit freundlicher Unterstützung
von www.theaterportal.de
"Grandioses
Aufeinanderzugegangensein und: witzig,
herzig, sehr sehr menschlich!!!"
(Andre Sokolowski, Kultura-Extra)
Foto: Isolde Wittke
Wer
ist der Clown?
Anne Dessau
Am
Abend der Premiere von »Die
Flieger« hatte das »theater
zum westlichen stadthirschen«
Gastrecht im »F 40«. So
heißt jetzt die Spielstätte
in der Fidicinstraße 40, Berlin-Kreuzberg;
die Marke vereint das »English
Theatre Berlin« und das »Theater
Thikwa« unter einem Dach. Wie
bereits in der Aufführung »Das
Zarte wird ja immer überdroht«
(Ossietzky 18/06) waren auch hier
Text und Aufführung eine Koproduktion
zwischen »stadthirschen«
und »Thikwa«.
Zwei Schauspieler, zwei Welten begegnen
uns: Dominik Bender, Gründer
(1982) und Protagonist des »stadthirschen«,
und Wolfgang Fliege, über den
es im Pressetext heißt: »
– eines der eigentümlichsten
Mitglieder des Theaters Thikwa, als
Schauspieler so unberechenbar wie
als Persönlichkeit rätselhaft
und scheinbar unergründlich.
Er ist Dandy, Muffel, Komiker, Dadaist,
Musiker und Charmeur gleichermaßen,
und seine ›Behinderung‹
ließe sich vielleicht mit der
totalen Abwesenheit jeglichen Argwohns
beschreiben.«
Aus den unendlichen Selbstgesprächen
Flieges wurde ein Text gefiltert,
er ist also nicht nur Akteur, sondern
auch Autor des »Textkörpers«.
Anke Mo Schäfer führt Regie.
Berührung wird versucht: Auf
der Bühne steht eine Kunstfigur,
Dominik Bender, Flugkapitän im
Stück, und das Naturereignis
Wolfgang Fliege, Co-Pilot –
denn die notdürftige Rahmenhandlung
versetzt den Betrachter in ein Cockpit
in zehntausend Metern Flughöhe.
Um Flug und Stück auf Kurs zu
halten, muß Bender sowohl den
Flieger wie Fliege lenken und leiten.
Eine Glanzleistung, denn Naturereignisse
sind unberechenbar. Die Balance gelingt,
obwohl Flieges burlesker Charme und
seine überraschenden, verdrehten,
skurrilen Einfälle Bender oftmals
überrumpeln. In dieser Doppelfunktion
– textintensiver Darsteller
plus heimlicher Dirigent seines Partners
– leistet Bender Hochartistik.
Motto des Abends ist das Sprichwort:
»Wir sehen die Dinge nicht,
wie sie sind, sondern wie wir sind«.
An diesem Abend sehen wir sie so und
so, ganz nah und aus einem Abstand
von zehntausend Höhenmetern.
Mindestens. Es wird gelacht, geklatscht,
man ist verwirrt, daß Unmögliches
möglich ist, Unvereinbares zusammengeht.
So verbrüdert der skurrile, poetische,
von Bender eindringlich vorgetragene
Text sich mit den spontanen Einwürfen,
dem Kichern und Gackern, Rülpsen,
Tanzen und Hopsen, dem stillen Strahlen
des weisen Mannes Fliege. Es ist die
Performance eines weißen Clowns
mit seinem Partner. Doch wer ist Clown,
wer der andere?
Die Antwort begegnet mir nach dem
schönen Beifall für die
Spieler, draußen auf der Straße.
Einen Moment stand ich im Gespräch,
da trat das Naturereignis Fliege aus
dem Torweg, Kopf gesenkt, Tasche unterm
Arm, Einspruch murmelnd, unfroh. »Alles
vorbei?«, sage ich. Er, ohne
aufzuschauen: »Alles vorbei,
alles vorbei« und stapft im
Nieselregen über die Straße,
hin zur U-Bahn. Drinnen im Haus wird
gefeiert. – Das sind so Momente.
Voller Wahrheit. Ungeschönt schön.
Tieftraurig. Wie dieser Abend.
Ossietzky 5/2007
Foto:
Martin Pfahler
Ausschnitte
auf:
http://myspacetv.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=14065355
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WEIL
MORGEN GESTERN WAR
//
Was will jeder werden, aber keiner sein?
//
mit:
Maria Gräfe, Hannelore Wüst und
Dominik Bender
Recherche / Regie: Dominik Bender / Anke
Mo Schäfer
Bühne / Kostüme: Isolde Wittke
Licht: Urs Hildbrand
Wiederaufnahme
im Oktober 2010
Kurzvideo:
http://vids.myspace.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&VideoID=35971529
Nach dem Leichenschmaus: im Gemeinschaftsraum
sitzen der von hochgradiger Alterungsangst
gepeinigte Fliesenleger Nathanael Stöcklein
und seine im herkömmlichen Sinne völlig
alterslose Jugendfreundin Viktoria Rebsamen.
Die Erinnerungswilligkeit schwankt, das
Verfallstempo ist verwirrend unregelmäßig,
die Vergreisungsresistenz unberechenbar,
die real gestohlene Lebenszeit beträgt
etwa 75 Minuten und das Lebensziel ist vermutlich
ein Friedhof in Berlin-Friedrichshain. Die
Stimmen: Claudia Wolff, Eva-Maria Täubert
(Theater der Erfahrungen), Gertraud Kretzer
(Dritter Frühling), Jean Améry,
Peter Pankow (Theater Thikwa), Susanne Howitz,
Vincent Martinez (Theater Thikwa), Friederike
Mayröcker u.a. Und schemenhaft ein
dritter Gast.

Alt
sein ist die Zukunft. Die Angst vorm Älterwerden
wächst wie die Zahl der Alten. Wir
werfen ein inneren, persönlichen Blick
auf ein allgegenwärtiges und sich doch
ständig entziehendes Thema. Ausgangspunkt
der Recherche sind ganz einfache, zum Teil
intime Fragen: Wie fühlt sich älter
werden an? Welche konkreten Erfahrungen
verbinden sich damit, welche Ängste,
Hoffnungen? Eine theatrale Bestandsaufnahme
fügt sich zusammen aus erzählten
Erinnerungen, Gedankenspielen und Momentaufnahmen.

Auf
der Bühne: Dominik Bender (50), Maria
Gräfe (58) und Hannelore Wüst
(80). Der Text besteht aus Interviewausschnitten
mit Berliner älteren Damen zwischen
68 und 78 und sehr viel jüngeren Freunden
vom Theater Thikwa, die jeweils ihre ganz
eigene, teils überraschend komische
Sicht auf die Dinge darlegen. Dazu kommen
Auszüge aus drei sehr eindrücklichen
wie unterschiedlichen Werken: der literarische
Ansatz von Friederike Mayröcker, die
in „Und ich schüttelte einen
Liebling“ ihre letzten Jahre mit Ernst
Jandl und die Zeit allein nach seinem Tod
beschreibt; der dokumentarische Ansatz von
Claudia Wolff, die in „Letzte Szenen
mit den Eltern“ mit schonungsloser
Klarheit schildert, wie schwer es sein kann,
diese Szenen auszuhalten; und der philosophische
Ansatz von Jean Améry, der in „Über
das Altern. Revolte und Resignation“
mit großer Eloquenz die theoretische
Analyse des Phänomens vor allem in
seiner Wechselwirkung zwischen Subjekt und
Gesellschaft ausbreitet.
Mit dieser Inszenierung feierte das Theater
zum westlichen Stadthirschen seinen 25.
Geburtstag.

"Wie
alt sind Sie eigentlich?" - "Hä?"
Gefördert vom Regierenden Bürgermeister
- Senatskanzlei Kultur Berlin
Mit freundlicher Unterstützung von
www.theaterportal.de

Vom
Altwerden
Anne
Dessau
„Altsein
ist die Zukunft. Die Angst vorm Älterwerden
wächst wie die Zahl der Alten.“
Aus dieser Erwägung haben Anke Mo Schäfer
und Dominik Bender vom Berliner theater
zum westlichen stadthirschen „eine
theatrale Bestandsaufnahme aus erzählten
Erinnerungen, Gedankenspielen und Momentaufnahmen“
initiiert. Der Abend heißt „Weil
morgen gestern war“. Ort der Aufführung
ist die Kapelle auf dem Friedhof in der
Boxhagener Straße 99, Stadtteil Friedrichshain.
Wo sonst trauernde Menschen sich still von
ihren Verstorbenen verabschieden, sitzen
jetzt die Zuschauer reihenweise hochgetürmt
und schauen aufs weiträumige, sparsam
möblierte Parkett. Drei DarstellerInnen,
Maria Gräfe (hervorragend, vielseitig),
Hannelore Wüst (sympathisch, kompetent)
und Dominik Bender (bewährt, professionell),
spielen, sprechen, zitieren aus Interviews
mit älteren Menschen und jüngeren
Freunden vom Theater Thikwa, der Spielervereinigung
behinderter Akteure, die stets für
überraschende, witzige und aberwitzige
Texte gut sind. Prosa von Jean Améry,
Friederike Mayröcker und Claudia Wolff
fassen die einzelnen Passagen zusammen,
erhellen und vertiefen die Aussagen zu den
Themen Alter, Krankheit, Sterben, Tod. Die
Monologe, Dialoge, Zitate und Sketches werfen
Schlaglichter – auch grelle –
auf ein Thema, das alle bewegt, auch wenn
es zumeist verdrängt wird.
Das ist gewiss kein lustiger Abend, doch
die kluge Mischung der Texturen erlaubt
sogar Heiterkeit, provoziert dann und wann
ein Schmunzeln. Wie so oft bei den Protagonisten
vom „stadthirschen“ ist eine
gelungene Melange entstanden. Das gescheite
Konzept wurde klug umgesetzt, die theatralische
Aufbereitung überzeugt. Das Publikum
folgt aufmerksam der Gedankenvielfalt zu
einem Stoff, dem niemand entrinnen kann.
Nur die da draußen in ihren Särgen,
Urnen und Gräbern dicht neben der Kapelle
haben es hinter sich.
Ossietzky
1/08
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DAS ZARTE WIRD JA IMMER ÜBERDROHT
eine Textmontage aus Gesprächen mit Schauspielern des Thikwa-Ensembles
Das
Zarte
Gestern
war ich endlich dort, im »theater
zum westlichen stadthirschen«,
das im F40, der gemeinsamen Spielstätte
des Theaters Thikwa und des English
Theatre Berlin, gastiert. Premiere
war bereits im Jahre 2004: »Das
Zarte wird ja immer überdroht«.
Das sind Texte aus Gesprächen
mit Schauspielern von Thikwa, eines
Behinderten-Ensembles, entstanden
sind. Anke Mo Schäfer und Dominik
Bender haben sie interviewt, aus den
Gesprächen Miniaturen entwickelt.
Zwei Protagonisten des »stadthirschen«
tragen sie vor, gestalten sie. Die
Botschaft: »... das kreative
Potential von Menschen ausloten, die
sich a priori nicht als Dichter begreifen,
aber mit großer Sensibilität
und poetischer Assoziationskraft ungewöhnliche
und alles andere als behinderte Ansichten
von sich selbst und der Welt entwerfen«.
Das Ergebnis ist eindrucksvoll. Die Klugheit, Schönheit und Kraft der Aussagen bewegt. Die Sprachmächtigkeit, Gewißheiten, ja Weisheiten zu formulieren, eine Lebensphilosophie, löst im Zuhörer ein vielfaches Echo aus. Man staunt, schämt sich auch mancher Leichtfertigkeit des eigenen Urteils, wird beschenkt.
Silvina Buchbauer und Dominik Bender nehmen uns mit auf die schrullige und traurige Gedankenreise von Menschen an den Grenzen der Gesellschaft, Außenseitern, Ausgestoßenen auch, die uns ihre Träume, Ängste, Hoffnungen mitteilen. »Tja. Man möchte eigentlich, es ist ja irgendwie kaputt, und man möchte am liebsten, eigentlich sagt man ja, das Leben ist ein Geschenk Gottes, aber wenn das Geschenk kaputt geht, kaputt ist, man kriegt ein kaputtes Geschenk, möchte man es am liebsten zurückgeben, ja. Manchmal hätte ich Lust, es wieder zurückzugeben, ist ja irgendwie in mir etwas kaputt, fehlt was, was ich nicht geben kann, deswegen will man das Geschenk wieder zurückgeben.«
Wieder einmal bedanke ich mich beim Team des »theaters zum westlichen stadthirschen«, das seit über zwei Jahrzehnten neue und alte Texte erfahrbar für sein Publikum werden läßt. Aber wir waren nur acht Zuschauer. Ich wünschte ihm 800. Besser noch: den ausverkauften Admiralspalast.
Anne
Dessau, Ossietzky 18/2006
Ausschnitte
auf:
http://myspacetv.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=16907055
Das Zarte wird ja immer überdroht
Zwei Stühle auf zwei kleinen Podesten, zwei Schauspieler, die nichts weiter tun, als darauf zu sitzen und zu reden, ein paar einfache Lichtwechsel - manchmal braucht die Interpretation der Welt nicht mehr. Diese Welt ist nah und fern zugleich. Denn eine Gedankenkette kann sozusagen vor der Haustür anfangen, sich ein Mal um den Mond winden, um danach auf den Küchenstuhl zu plumpsen. Ganz selbstverständlich. Gespräche mit den geistig behinderten Kollegen des Thikwa-Theaters während der Proben zu einem gemeinsamen Stück bilden das Textmaterial, das Dominik Bender und Silvina Buchbauer vom Theater zum westlichen Stadthirschen zum Schwingen bringen. Was die zu erzählen haben, über Liebe, den Alltag, das Fernsehen und Gott sprüht vor verblüffenden Wendungen, Witz und Weltenklugheit. Karl Valentin trifft Kafka - aber solche Vergleiche taugen für die eigentümliche Poesie dieser Lebens-Erfahrungen nur bedingt. Und ganz nebenbei wird klar, dass geistige Behinderung mit Dummheit gar nichts und mit anderer Wahrnehmung sehr viel zu tun hat. Bender und Buchbauer schlüpfen in keine Rollen. Sie lassen die Texte atmen. Allein, im Zwiegespräch, ganz behutsam. Mal hört sich das an wie ein etwas verrutschtes Frühstücksgespräch, mal wie eine gedanken- und auch sonst trunkene Sinnsuche in der Kneipe nachts um halb vier... Ein ganz großer, kleiner Zuhörabend.
Gerd Hartmann, zitty 15/2006, ***
Ich sterbe nicht, ich lebe, ich lebe doch für mein Geld - Sagen wir mal so, Berlin ach, Berlin ach, ich möchte ganz gerne, ich finde Berlin, Berlin, da verzweifel ich immer - Ein Geist ist, wenn man ihn nicht sieht - Ich wollte immer schon eine andere Mutti haben, aber ich bekomm die nicht - Als wir mal zusammen waren, da hab ich meine Frau geküsst, das muss man machen, ist aber schwer - Ich weiß nicht, aber jemand hat mit dem Eimer sprechen wollen, und der hat geantwortet - Hunde mag ich nicht, nee, Hunde mag ich nicht, nur Frauen - Wenns den gibt, aber Gott gibt's ja nicht, der ist ja unsichtbar, das Gesicht möchte ich mal von dem sehen, wie er aussieht, ach der sieht so unsichtbar aus, weiß ja nicht, ob der Ohren hat.
Im Rahmen der Vorproben zur Produktion Maison de Santé“ (nach E. A. Poe), die das Theater zum westlichen Stadthirschen zusammen mit dem Theater Thikwà entwickelt hat, haben wir die Gespräche mit den beteiligten („behinderten“) Schauspielern in ihrem thematischen Spektrum erweitert und dokumentiert. Die zum Teil sehr komplexen und oft höchst anrührenden Antworten auf unterschiedliche Fragestellungen bilden das Textmaterial für einen Diskurs, der verblüffend neue Perspektiven auf individuelle Befindlichkeiten und ihren gesellschaftlichen Kontext öffnet.
Wir setzen damit eine Form „dokumentarischen Theaters“ fort, die wie schon in unserer Inszenierung „Trompete Galgen Feuerstrahl“ nach den Gesprächen mit Schizophrenen von Leo Navratil das kreative Potential von Menschen auslotet, die sich (in diesem Fall) nicht a priori als Dichter oder Literaten begreifen, aber mit großer Sensibilität und poetischer Assoziationskraft im besten Sinne ungewöhnliche und alles andere als behinderte Ansichten von sich selbst und der Welt entwerfen.
Foto:
Dominik Bender
„Liebe ist was Zärtliches.
Liebe ist was Angezogenes, ein Argument,
da wo jeder Mann und eine Frau das
gleiche Schicksal hat. Das geht wie
so ein Spiel, so eine Anziehkeit,
dann ist es so, als ob so eine Schwemmung
dich erfässt, dann kannst du
nichts mehr essen, dann bist du ein
Träumer, es kribbelt, es nagt,
es ist ein Fluss, und man bekommt
so ein innerliches Pochen im Magen,
im Herzen und Kreislauf. Das sind
so Moleküle im Magen, was beide
haben und die irgendwie zusammenpassen
und die geben irgendwie einen Sinn.
Liebe ist es nicht nur ins Bett zu
gehen, sondern Gefühle massig
klassisch, und so sich die Gene vom
Mann zu einer Frau überentwickeln.
Man kann sich ausweiten, mehr ausziehen
und sehr gute Dinge miteinander machen.
Man probiert das dann solange aus,
bis man zusammenpasst. Man geht, man
kommt, man geht, man kommt.“
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MIT
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Silvina Buchbauer und Dominik Bender |
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BÜHNE
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Isolde Wittke |
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LICHT
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Urs Hildbrand |
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RECHERCHE
/ REGIE
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Dominik
Bender / Anke Mo Schäfer |
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Gefördert
von der Senatsverwaltung für
Wissenschaft, Forschung und
Kultur Berlin
Mit freundlicher Unterstützung
von www.theaterportal.de
|
- Und was passiert in deinem Kopf?
- Alles in Ordnung, alles in Ordnung.
Da is so, Berichte aus Garmisch, aus
Reit im Winkl, das damals da ist doch
die Geschichte draus geworden, Samstag
fernsehen, da ist musikalisch alles,
Musik kommt vom Fernsehen, jeden Tag,
und wenn ich's jetzt ausschalte, dann
hörste's auch.
- Wie, wenn du's ausschaltest?
- Na, wenn ich den Fernseher anschalte bei mir zu Hause, dann ist die Musik ganz klar, ah herrlich, sag ich dir, wie Computer, Computer, kennst du doch Computer, dann machen die Bilder, und die Musik kommt vom Band, wunderschöne Musik, du hörst alles, Oktoberfest ist genauso, ich hör jeden Tag Musik, jeden Tag.
- Du guckst auch jeden Tag Fernsehen?
- Ja.
- Hast du gestern was gesehen?
- Nee, nix.
- Gestern nicht Fernsehen geguckt?
- Doch, nachts, Berichte. Aus Japan.
- Ja?
- Und zwar aus Polen.

Foto: Isolde Wittke
Textbuch und Audio-CD sind beim Theater
erhältlich.
Preis: jeweils 8,-- Euro
(plus 1,45 Euro Versand)
Bestellung
über: info@stadthirsch.de
Im
Kleisthaus: Das Zarte wird ja immer
überdroht
Von
kobinet-Redakteurin Anke Glasmacher,
Berlin (kobinet)
Zwei Stühle, zwei Schauspieler.
Mehr braucht es nicht. Ach ja: Und
einen Text. Und der hat es in sich.
Am 11. Juni 2009 inszenierte das Berliner
Theater zum westlichen Stadthirschen
in einer szenischen Lesung "Das
Zarte wird ja immer überdroht"
im Kleisthaus.
Das Stück entstand aus Gesprächen
mit den Schauspielerinnen und Schauspielern
des Theaters Thikwa anlässlich
einer gemeinsamen Theaterproduktion.
Premiere war bereits im Oktober 2004.
Doch seitdem, so Dominik Bender im
anschließenden Publikumsgespräch,
hat es sich immer weiter entwickelt.
Dieser Text hat eine Eigendynamik.
Die Schauspieler vom Theater zum westlichen
Stadthirschen haben ihren Kollegen
von Thikwa Alltagsfragen gestellt,
aber keine alltäglichen Antworten
erhalten. Die Gespräche drehen
sich um Liebe ("Ich habe eine
Frau kennengelernt. Die hat was. Am
Herzen."), das Leben ("Man
sagt ja, das Leben ist ein Geschenk
Gottes, aber wenn das Geschenk kaputt
geht, kaputt ist, man kriegt ein kaputtes
Geschenk, möchte man es am liebsten
zurückgeben."), um Gott
("Ach, Gott möchte ich mal
gerne sehen. Aber der sieht so unsichtbar
aus.") und Berlin ("Berliner
sind so zugeschlossen. (...) Die werden
immer unfreundlicher, weil die so
arbeitslos sind."), um Träume
und Ängste.
Weise und lebensklug erscheint das
eine, augenzwinkernd und humorvoll,
bisweilen aber auch tieftraurig so
manches andere. Das ist unsere Interpretation.
Für uns werden Worte aus dem
Kontext gerissen. Jeder Satz kann
zu einem ungeplanten Angriff auf unsere
Sicht der Dinge, unsere Wirklichkeit
werden, auf deren alltägliche
Sprachcodes wir uns verständigt
haben. Und es bleibt die ehrliche
Unverblümtheit, unsere festgefahrenen
Blickwinkel wie selbstverständlich
aus den Fugen zu heben. Das ist das
große Verdienst der beiden Schauspieler/innen
Silvina Buchbauer und Dominik Bender,
sowie der Dramaturgin Anke Mo Schäfer,
die die Interviews geführt, die
Textpassagen transkribiert und sie
mit großer künstlerischer
Genauigkeit auf die Bühne gebracht
haben.
Dieser Abend bietet einen Sprachgenuss,
der an die Poetik eines Ernst Jandl
und die Stücke von Samuel Beckett
erinnert. "Wie ein Schwarm sind
die Autoren hier im Raum verteilt",
sagt ein Zuschauer so poetisch wie
treffend zum Schluss. Man darf wohl
mit Fug und Recht behaupten: Dieses
Stück ist ein echtes Kleinod.
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TROMPETE
GALGEN FEUERSTRAHL
nach den „Gesprächen mit
Schizophrenen“ von Leo Navratil
„Also,
es gibt ja Götter, das heißt,
nicht solche, wie die Griechen es
gemeint haben, sondern solche, die
die Welt erschaffen haben. Das ist
ja nicht ein Gott, die ganze Sternenwelt
und alles, das müssen ja Götter
sein, viele. Ich hab gelesen - nicht
vielleicht, dass ich es noch nicht
gewusst hätte, da hab ich schon
längst alles gewußt -,
aber ich hab gelesen - so ungeschickt
ausgedrückt -, ganz winzige Tierchen,
unendlich viele, haben die Welt gemacht.
Und zwar aus dem Holländischen
übersetzt. Aber das ist, erstens
einmal ist es irgendwie nicht intelligent
ausgedrückt, und zweitens ist
es irgendwie unpietätsvoll! Die
Götter sind so kleine Tierchen,
die sind nicht größer als
eine fliegende Ameise. Dieses Geheimnis
hat mir meine Mutter anvertraut...“
Foto:
Martin Pfahler
„Bender
benutzt die Sprache wie ein Seziermesser.
Sehr konzentriert und sorgfältig
schält er Schicht um Schicht
aus den Texten heraus, quälende
Befindlichkeiten, visionäre Weltvorstellungen,
Anwandlungen von heiterer Unbeschwertheit,
bis am Ende etwas dasteht, was mit
sich ganz allein ist: ein Mensch.“
Regine Bruckmann, zitty
„Es
scheint aber auch auf, dass die alternativen
Wirklichkeiten nicht nur faszinierend
für den Betrachter, sondern ebenso
Ausdruck des Leidens für den
Betroffenen sind. Die Theatermacher
lesen sie bevorzugt als Dokumente
des Wissens, Wahrnehmens und Fühlens,
die in den allgemeinen Erkenntnishorizont
aufgenommen werden sollten.“
Tom Mustroph, die tageszeitung
„Immer
wieder kann man an entlegenen Spielorten
in Berlin künstlerische Spitzenereignisse
erleben. Dominik Bender spricht 70
Minuten lang Texte von Schizophrenen...
voller Wahnvorstellungen und Widersinnigkeiten.
Winzige Tierchen" sieht einer,
die ihm in den Körper kriechen,
und es sind die Götter, die die
Welt geschaffen haben, meint er. Einer
will nicht essen und einer auf einer
klitzekleinen Trompete spielen. Einer
hört „so ein Geräusch
am Fußboden" und das ist
vielleicht die Großmutter, die
sich verabschiedet. Einer schreit
Worte heraus und einer hört Sphärenklänge.
Dominik Bender steht vor uns in einem
dreiteiligen gepflegten Anzug, wirft
sich hin und verkrampft sich, kniet
ermattet und verbeugt sich ergeben.
Er spricht neun verschiedene Texte,
die ineinander übergehen, aber
auch deutlich individuelle Persönlichkeiten
darstellen. Wer in Berlin außerordentliches
Theater sehen will, sieht es eher
als im Wagner-Zyklus der Staatsoper
in diesem Einpersonenstück des
Theaters zum westlichen Stadthirschen
mit Texten von Schizophrenen.“
Joachim Kramarz, THEATER RUNDSCHAU
es
spielt: Dominik Bender
Regie: Hildegard Schroedter
Raum: Isolde Wittke
Licht: Urs Hildbrand

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MAISON DE SANTÉ
- Einladung zur feinen Gesellschaft -
frei nach Edgar Allan Poe's Erzählung
Die Methode Dr. Thaer & Prof.
Fedders
Koproduktion
mit dem Theater THIKWA
Wer
hat die Macht zu entscheiden, was als normal
gilt und was als verrückt? Ob jemand
zu den Patienten oder zum Personal in der
Psychiatrie gehört, kann ein Zufall
seiner Lebensgeschichte sein. Was passiert,
wenn die Patienten dem Zufall ein bisschen
nachhelfen? Schauspieler mit und ohne Behinderungen
konfrontieren sich und das Publikum mit
der Neugier und den Ängsten vor dem
jeweils Anderen. Ausgangspunkt der Inszenierung
ist eine Geschichte von E. A. Poe: Im Jahr
1830 reist ein junger Medizinstudent aus
Berlin auf der Suche nach fortschrittlichen
Methoden der Behandlung von Geisteskranken
nach Südfrankreich, um ein modern geführtes
Irrenhaus zu besuchen. Anders als an der
Charité, wo die Patienten noch mit
alten, brachialen Foltermethoden gequält
werden, soll hier in einem abgelegenen Château
nach der Revolution die berühmte humane
Methode aus England angewandt werden. Der
Direktor Dr. Maillard bittet den weitgereisten
Gast zu einem noblen Dîner, zu dem
die vornehme Gesellschaft eingeladen ist,
bevor er ihm am nächsten Tag die Einrichtung
zeigen will... Die Inszenierung untersucht
existentielle Grundfragen nach Würde
und Wert des Menschen und deren Abhängigkeit
vom Urteil der Gesellschaft. Sie spielt
mit dem voyeuristischen Blick von außen
auf ein ungewöhnliches Szenario der
Verstellung. Die Grenzen zwischen Fiktion
und Realität werden durchlässig,
verschiedene Facetten von Irritation sichtbar.
Zu erwarten ist eine Theateraufführung,
die jeden Abend unvorhersehbar anders verlaufen
dürfte.
|
MIT |
|
Anna-Katharina
Andrees, Dominik Bender,
Heidi Bruck, Jonny Chambilla,
Ronny Dollase, Wolfgang
Fliege, Torsten Holzapfel,
Almut Lücke-Mündörfer,
Vincent Martinez, Peter
Pankow, Tim Petersen,
Patricia Schulz, Roland
Strehlke, Jan Uplegger |
|
REGIE
& FASSUNG |
|
Werner
Gerber |
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BÜHNE |
|
Isolde
Wittke |
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KOSTÜME |
|
Ulv
Jakobsen |
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LICHT |
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Urs
Hildbrand |
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DRAMATURGIE |
|
Anke
Mo Schäfer |
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KONZEPTIONELLE
BEGLEITUNG |
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Gerlinde
Altenmüller |
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PRODUKTIONSLEITUNG |
|
Klaus
Altenmüller &
Dominik Bender |
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VORSTELLUNGEN |
|
Wiederaufnahme
2011
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Gefördert
von der Senatsverwaltung
für Wissenschaft,
Forschung und Kultur
Berlin
Mit freundlicher Unterstützung
von www.theaterportal.de
|
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Eine Reise ins Glück
Vollkommener Abend: "Maison de Santé"
von Cosima Lutz
Mildes
mediterranes Licht scheint auf den Mauern zu tanzen. Ein Berliner
Medizinstudent und mit ihm die Zuschauer reisen 1830 nach Südfrankreich,
um ein modern geführtes Irrenhaus zu besuchen. "Maison
de Santé - Einladung zur feinen Gesellschaft" nach einer
Erzählung von Edgar Allan Poe spiegelt in einer Koproduktion
des "Theaters zum westlichen Stadthirschen" und dem "Theater
Thikwa" das übliche Hinterfragen der Zuschreibungen von
"irr" und "normal" gleich mehrfach: Schauspieler
spielen Verrückte, die "Normale" spielen; Behinderte
spielen "Normale", die vielleicht doch verrückt sind.
Wo andere Theaterarbeiten dieser Art aufhören, fängt es
hier erst an: Was hier passiert, ist die totale Kunst.
Bevor der Gast die Einrichtung zu sehen bekommt, wird er vom Direktor
(Dominik Bender) zum Diner geladen, einem karnevalesken Mahl mit
hoher Balladenkunst und ungehobeltem Bänkelsang: "Hier
tanzt das einfache Volk mit der feinen Gesellschaft." Der Gast
ist das alter ego des Zuschauers, der es ganz genau wissen will
- bis er durchdreht. Immer alles schön rauslassen, beruhigt
ihn Prinzessin Annabelle (Heidi Bruck). Der Menschenversteher wird
zum medizinischen Fall.
Verwoben mit Texten und Liedern der Spieler, gerät Poes Erzählung
in feinere Schwingungen, als soziale Nachdenklichkeit es fassen
würde. Von der subtilen Lichtregie über das aufbrandende
Stimmenchaos bis hin zu den leisen, vornehmen Dienern (Jonny Chambilla,
Ronny Dollase) fällt nichts heraus aus diesem Stück um
Freiheit und Kontrolle. Werner Gerbers Regiearbeit und Dominik Benders
Rolle als autoritär-respektvoller "primus inter pares"
bekennen sich nicht wohlfeil zur Souveränität der Behinderten;
sie stehen und fallen mit den Denk-Bewegungen aller ihrer Künstler.
Dies ist nicht erstaunlich, sondern zutiefst schön: Nicht nur
zur Einsicht, daß die Grenzen zwischen "Wahn" und
"Sinn" willkürlich sind, nein: zum "Genießen"
will der Direktor seinen Gast bewegen.
Der grübelnde Reisende muß es am Ende allein aushalten mit seinen Albträumen; der gestärkte Zuschauer aber, der sich dem Genuß dieser genialen Arbeit anvertraut, erlebt einen Theaterabend vollkommenen Glücks.
Berliner Morgenpost, 24.1.05
Foto:
David Baltzer
Pressestimmen:
DAS MÄDCHEN nach dem Roman "Das Mädchen, das die Streichhölzer zu sehr liebte" von Gaétan Soucy
FASSUNG / REGIE: Erick Aufderheyde
BÜHNE / KOSTÜME: Isolde Wittke
MUSIK: Ernst Surberg
DRAMATURGIE: Anke Mo Schäfer
LICHT: Urs Hildbrand
PRODUKTIONSLEITUNG: Dominik Bender
MEDIENARBEIT: Artefakt Kulturkonzepte
MIT: Angela Böhmer, Cathrin Romeis, Dominik Bender, Peter Pankow, Ernst Surberg und Markus Wechsler
Foto:
David Baltzer
Melancholische Sozialstudie
Theater
zum westlichen Stadthirschen spielt „Das
Mädchen“ im Tacheles
Wie
bringt man seinen toten Vater unter die Erde?
In einem Leichentuch oder einem Sarg am Rand
des Pinienwalds? Es ist gar nicht so einfach,
sich plötzlich in einem echten Leben
wiederzufinden, das man nur aus Heiligengeschichten
kennt. Eingeprügelt vom gestrengen Vater
in der Abgeschiedenheit eines Schuppens neben
dem heruntergekommenen Gutshaus.
Erst
allmählich offenbart die Inszenierung
„Das Mädchen“ vom Theater
zum westlichen Stadthirschen im Tacheles ihre
Geheimnisse und gewährt tiefe Einblicke
in den beklemmenden Mikrokosmos einer ganzen
Kaspar-Hauser-Familie: Die Kindheit zweier
Geschwister in völliger Isolation, aufgewachsen
inmitten von Gewalt, Inzest, Hirngespinsten
und religiösem Wahn. Dass die Bühnenadaption
von Gaétan Soucys Roman „Das
Mädchen, das die Streichhölzer zu
sehr liebte“ nicht zur tonnenschweren
Sozialstudie gerät, sondern anrührend
leicht mit melancholischem Witz daherkommt,
ist der Regie und Fassung von Erick Aufderheyde
und dem Spiel seines großartigen Darsteller-Ensembles
zu verdanken. Sie verwandeln die groteske
Familientragödie in eine Sternstunde
des Theaters.
Als
„Schriftführer des Tages“
schlüpfen Angela Böhmer und Cathrin
Romeis in die Rolle des Mädchens, das
glaubt, ein zweiter Sohn zu sein. Die eine
erzählt, die andere agiert. Dabei vermischen
sich Rückblenden mit der Gegenwart: Dominik
Bender lässt den grausamen Vater auferstehen.
Markus Wechsler mimt den tumben Bruder und
Peter Pankow zur allgemeinen Erheiterung das
Pferd. Lediglich mit der Musik und den Sounds
von Ernst Surberg unterlegt, benötigt
das eindringliche Schauspiel keine Requisiten,
kein Bühnenbild, um das bizarre, abgründige
Universum einer gepeinigten Außenseiterin
auf ihrer rätselhaften Identitätssuche
greifbar zu machen.
Ulrike
Borowczyk, Berliner Morgenpost

In
einem Schuppen kauert ein Kind und schreibt
in sein Buch: Der Vater ist tot. Seit der Geburt
lebt es mit Vater und Bruder in einer provisorischen
Baracke in nächster Nähe zum verfallenden
Gutshaus der Familie. Dort, am Rand der Welt,
nimmt die Kindheit Gestalt an, geprägt
von Isolation, Ritualen der Gewalt und
exzentrischen Moralvorstellungen, aber auch
großer Freiheit der Selbstbestimmung,
frei nach dem Motto: Wir sind merkwürdig,
wir wissen das - und leben es aus. In der langsam
verfaulenden Bibliothek lauert ein Geheimnis.
Etwas ist hier passiert, das unmerklich ein
Verschwimmen von Realität und Traumwelt
hervorbrachte. Nach und nach entblättert
sich ein groteskes, surreal anmutendes und mit
enormem Lebenswillen vorgetragenes Familienschicksal.
Das
Theater zum westlichen Stadthirschen setzt mit
dieser Produktion seine Zusammenarbeit mit dem
Regisseur Erick Aufderheyde fort. Nach den Dramatisierungen
von „Das große Heft“ und „Gestern“
von Agota Kristof sowie „Meine Freunde“
von Emmanuel Bove wird in der Inszenierung eine
sehr spezifische Form des kollektiven theatralen
Erzählens weiter entwickelt, dieses Mal
anhand einer ebenso unheimlichen wie anrührenden
Geschwistergeschichte.
Gaétan
Soucy wurde 1958 in einem Arbeiterviertel Montréals
geboren und verbrachte seine Jugend mit Büchern.
Er studierte Physik und Mathematik, später
Literatur, um seinen Abschluss mit einer Arbeit
über Kants Philosophiekritik zu machen.
Später lernte er Japanisch, seit 1986 verbringt
er nahezu jeden Sommer in Japan. „Das
Mädchen, das die Streichhölzer zu
sehr liebte“ ist sein dritter Roman.
Foto:
David Baltzer
Gefördert
von der Senatsverwaltung für Wissenschaft,
Forschung und Kultur Berlin
und der Botschaft des Königreichs der Niederlande
Berlin.
Mit freundlicher Unterstützung von www.theaterportal.de
Anne Dessau
GRENZGÄNGER
Im
„Goldenen Saal“ des TACHELES in
Berlin gastierte wieder einmal das „theater
zum westlichen stadthirschen“. Der von
den Zeitläufen zerfledderte Saal ist ideale
Kulisse für die Bühnenfassung der
literarischen Vorlage von „DAS MÄDCHEN.“
Unwirtliches Umfeld, verstörender Text,
eigenwilliger Aufführungsstil, „kollektives
theatrales Erzählen“genannt.
Sechs
Darsteller kommen auf die Bühne, stehen,
gehen auf und ab. Grenzgänger zwischen
Traum und Wirklichkeit, berichten sie
die irritierende, schwer fassbare Geschichte.
Vater, Mutter, Schwester tot, durch Erhängen,
umgekommen bei einem Brand, ausgelöst durch
ein „Mädchen, das die Streichhölzer
zu sehr liebte“. So der Titel des Romans
von Gaètan Soucy, Montreal, nach dem
die Erzählung für die Bühne erarbeitet
wurde.
Regisseur
Erick Aufderheyde gelingt mit seinen Darstellern
ein spannungsreicher Abend, der vermehrte Hirntätigkeit
erfordert, die Puzzleteile des Spiels in eine
verständliche Ordnung zu bringen. Doch
man bleibt verführt, folgt dem Geschehen.
Ein Sog entsteht, der auch den eingangs befremdeten
Betrachter ins vielschichtige Psychodrama zieht:
Rituale der Gewalt, exzentrische Moralvorstellungen,
Ausgeliefertsein und Selbstbestimmung, Tod und
trotz alledem Lebenskraft.
Mit
der Geschichte von denen am Rande, den „borderlinern“
unserer sogenannten zivilisierten Welt, nimmt
sich die Theatertruppe um Dominik Bender (seit
1982 leitender „stadthirsch“ und
Schauspieler ) erneut eines Themas an, das sie
bereits in anderen Arbeiten vorgestellt und
verteidigt hat. Sie bezeugt die Kraft der Schwachen,
deren Reichtum an Fantasie, zwingt zu Innehalten,
Atempause im Tageskampf ums Monetäre und
andere Werte, beweist ihre unentbehrliche Zugehörigkeit
zur menschlichen Spezies.
Das
Ensemble arbeitet hochkonzentriert, sehr professionell.
Mitwirkende sind: Angela Böhmer, Cathrin
Romeis, (die Frauen beeindrucken besonders nachhaltig),
Dominik Bender, Peter Pankow, Markus Wechsler,
Ernst Surberg.
Die
Kopfarbeit hält an nach diesem Abend. Ein
selten gewordenes Ereignis.
Ossietzky
5/2006
Foto:
David Baltzer
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